Standortbestimmung

Ohne einen Standpunkt ist Erkenntnis nicht möglich. Wer das Land vermessen will, benötigt einen Messpunkt, von dem ausgehend Distanzen und Winkel bestimmt werden. Erkenntnis erfordert ebenfalls einen Ausgangspunkt, und jegliche Erkenntnis zirkuliert um eben diesen Punkt. Die Wahl des Ausgangspunktes ist  ein Schöpfungsakt.

Wir alle haben eine Vorstellung von der Beschaffenheit der Welt. Jeder trägt ein Satz von Annahmen mit sich herum, wie die Phänomene der inneren und äußeren Welt zu interpretieren sind. Zum Beispiel sind einige Menschen der Auffassung, das Leben sei ein Konkurrenzkampf. Die meisten glauben an den Wert von Geld. Die Dinge, mit denen wir einverstanden sind, nennen wir richtig, Dinge, die wir ablehnen, nennen wir falsch. Das ist die Grundlage menschlichen Handelns. Es lässt sich auf eine einfache Formel bringen: knowledge preceds action. Inwieweit erschaffen wir die Welt dadurch, dass wir unsere Vorstellungen von der Welt auf sie anwenden?

Wo stehen wir also als Spezies, was ist unser Ausgangspunkt? Der Pater und Zen-Lehrer Willigis Jäger beschreibt das so:

„Für eine Definition unseres Menschseins brauchen wir eine neue Standortbestimmung für diese unsere Spezies, die sich stolz „Homo sapiens“ nennt. 14 Milliarden Jahre soll dieses Universum existieren. 14 Milliarden Jahre lang gab es uns nicht. Niemand hat uns vermisst. Es wird uns eines Tages wieder nicht geben. Niemand wird uns vermissen. Wir sind nur ein Wimpernschlag in diesem zeitlosen Universum; in einem Universum, in dem Galaxien kommen und gehen. Wer lässt da einen Tsunami kommen, der Tausende von Menschen hinwegrafft, ein Erdbeben, einen Asteroiden, der Tausende austilgt? Auf diese Frage brauchen wir eine Antwort.“ [1] [2]

Gemäß einer Untersuchung der norwegischen Akademie der Wissenschaften fanden im Zeitraum von 3600 v. Chr. bis 1960 n. Chr. 14 513 Kriege statt. Dabei kamen schätzungsweise mehr als 3,5 Milliarden Menschen ums Leben. In den rund 5 600 Jahren war der Krieg weltweit betrachtet der Normalzustand – der Frieden blieb die Ausnahme. 2011 lagen die weltweiten Rüstungsausgaben bei 1,74 Billionen Dollar.

„Wir sind eine Spezies, die sich gegenseitig umbringt, kein Tier würde so etwas tun.“ Willigis Jäger [3]

Wir sind eine Spezies, die in globalem Maßstab ihre natürliche Lebensgrundlage zu Grunde richtet. Wir pusten die Luft voll mit Substanzen, die unserer Gesundheit schaden. Wir nehmen Lebensmittel zu uns, die diese Bezeichnung kaum noch verdienen. Für den kurzen vergänglichen Genuss eines Geschmackes an unserem Gaumen nehmen wir in Kauf, dass ganze Spezies ausgerottet werden. Wir sind nicht einmal in der Lage die einfache Aufgabe zu erfüllen, alle Menschen mit Nahrung und Obdach zu versorgen.

Wer sind wir? Was ist unsere Aufgabe? Was sollen diese paar Jahrzehnte auf einem Staubkorn am Rande des Universums für eine Bedeutung haben?

———

[1] Vortrag von W. Jäger in der Urania, Berlin, 2008: http://www.youtube.com/playlist?list=PLCBADFFAED45F2B16&feature=plcp

[2] Jäger, Willigis (2010): Menschsein im 21. Jahrhundert (Rundbrief „Benediktushof – Unterwegs“, 2/2010). http://www.west-oestliche-weisheit.de/images/mediathek/benediktushof/pdfs-rundbriefe/rz_rundbrief_2010_08_20.pdf

[3] Hänsel, Markus (09.05.2008): Die spirituelle Dimension der Arbeit. Interview mit Willigis Jäger. Benediktushof Holzkirchen. http://www.professionelle-intuition.com/Willigis_Jager_-_Die_spirituelle_Dimension.pdf

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