Lasst Theorien sterben…

„Ist «irren menschlich», so ist es offenbar noch menschlicher, mühsam errungene Irrtümer trotz aller widerstreitenden Tatsachen zu verteidigen“ (Diekmann) [1].

„Nichts ist praktischer als eine gute Theorie“, besagt ein Sprichwort. „In gewisser Weise ist ein theoretisches Modell mit einer Landkarte vergleichbar. Die Landkarte soll die Wirklichkeit nicht fotografisch abbilden, sondern die wesentlichen Merkmale und Zusammenhänge hervorheben“ [2]. Die Landkarte ermöglicht uns eine Orientierung in der Welt. Sie prägt gleichzeitig die Art, wie wir die Welt entdecken. Wege, die in der Karte nicht verzeichnet sind, werden kaum beschritten. Das hat wiederum Einfluss auf die Theoriebildung: Selten beschrittene Wege werden seltener in Karten eingezeichnet.

„Gute Theorien sind (…) wie gute Karikaturen. Sie verzerren die Realität zwar, aber in einer Weise, dass das Wesentliche umso klarer hervortritt“ [3].

Theorien – also modellhafte Annahmen über die Beschaffenheit der Welt – können sehr mächtige Wirkung entfalten. Auf Theorien basieren Vorstellungen und Regeln, wie wir ein gutes Leben führen können und sollen. Dass sich der Zugang zu Lebens- und Teilhabechancen einer Gesellschaft an Leistung zu orientieren habe, ist beispielsweise eine sehr mächtige Vorstellung, oder dass es sich bei der Geschichte der Menschheit um einen kontinuierlichen Fortschrittsprozess handle.

Karl Raimund Popper

Karl Raimund Popper

„Lasst Theorien sterben nicht Menschen!“, mahnt der Philosoph Karl Raimund Popper, während Europa im Chaos des Krieges versinkt. Er wendet sich gegen den Historizismus von Hegel, Marx und anderen Denkern: „Weder die Natur noch die Geschichte kann uns sagen, was wir tun sollen. Die Geschichte selbst hat weder ein Ziel noch einen Sinn. Aber wir können ihr beides verleihen.“

Popper war einer jener Denker, die mich zu Beginn meines Studiums nachhaltig beeindruckt haben. In den empirischen Wissenschaften versuchen die Forscher durch die Beobachtung der Phänomene der äußeren Welt Erkenntnisse zu gewinnen. Man spricht von den Erfahrungswissenschaften. Dazu zählen – in Abgrenzung zu Disziplinen wie der  Philosophie oder der Mathematik – die Naturwissenschaften und die Sozialwissenschaften, inklusive der Wirtschaftswissenschaften.

Stellen wir folgende Überlegung an: aus einer endlichen Menge von Beobachtungen – z.B. Vögel fliegen – kann nicht sicher auf eine allgemeine Gültigkeit geschlossen werden: alle Vögel können fliegen. Das bedeutet allgemeine Sätze, die einen Wahrheitsanspruch mit einem empirischen Gehalt formulieren, lassen sich nie endgültig verifizieren. Eine einzelne Beobachtung (z.B. ein Huhn oder ein Vogel Strauß) kann diese These widerlegen. Man sagt, sie wurde falsifiziert.

Eine Hypothese formuliert einen Zusammenhang – etwa je mehr eine Person leistet, desto höher ist ihr Einkommen. Die hier vorgestellte Forschungslogik besagt, dass man keine endgültig wahren Sätze aufstellen kann. Vielmehr muss versucht werden möglichst gehaltvolle Hypothesen zu entwickeln, die sich der harten Bewährungsprobe verschiedener empirischer Überprüfungen unterziehen lassen. Wiederstehen Hypothesen diesen Falsifikationsproben werden sie beibehalten, aber wir sind nie sicher, ob eine Hypothese tatsächlich und endgültig wahr ist [4].

Um Hypothesen überhaupt formulieren zu können, müssen bestimmte Annahmen zu Grunde gelegt werden. Geläufig ist die Grundannahme, dass es die Welt wirklich gibt, und das, was wir beobachten können, einen Blick auf die Realität ermöglicht, wenn auch nur durch den Filter unserer begrenzten Wahrnehmung. Das bleibt, auch wenn wir nicht da sind oder vielleicht gerade schlafen. Die beobachtbaren Phänomene offenbaren ihre Wirklichkeit. Diese zu beschreiben, zu erklären und Vorhersagen zu treffen, ist der Anspruch von Wirklichkeitswissenschaft.

Dafür muss eine Übereinstimmung erzielt werden, also z.B. darüber, was ein Vogel ist. Innerhalb dieses Kontexts erfolgt eine Beobachtung – das hier beobachtete Tier ist ein Vogel, und es fliegt, oder eben (gerade) nicht. Ich muss mich fragen, was bedeutet Leistung eigentlich, und wie soll ich das messen? Nehme ich die Arbeitsstunden pro Monat, das Bildungsniveau, das Engagement oder spezifische Fertigkeiten (beispielsweise Dribbling, Rechnen oder Verhandlungsgeschick) als Grundlage?

Diese sogenannten Basissätze bilden den Rahmen für die Hypothesen, den Kontext, in dem die gedankliche Beschäftigung stattfindet. „Es gibt keine reinen Beobachtungen: Sie sind von Theorien durchsetzt und werden von Problemen und Theorien geleitet“ (Popper).

Man nennt dies das Basissatzproblem. Vielleicht war es gar kein Vogel, der da flog, sondern eine Fledermaus. So bestätigt diese Beobachtung zwar die Hypothese, aber auf Grund der falschen Annahme, die Fledermaus sei  ein Vogel. Das bedeutet, es gibt ein doppeltes Risiko von Fehlentscheidungen: Wir können falsche Basissätze annehmen oder wahre Basissätze verwerfen. Dann kann man weder verifizieren noch falsifizieren!
Dem würden Popper und seine Anhänger widersprechen. Insgesamt ist das ein robustes Prüfverfahren, was eine immer genauere Annäherung an die Wahrheit ermögliche. Allerdings darf man nicht dem naiven Falsifikationismus verfallen, wegen einzelner möglicherweise fehlgeleiteter Beobachtungen gut geprüfte Hypothesen vorschnell zu verwerfen.

All unser Wissen ist nur Vermutungswissen. Wir wissen nicht, wir raten.
Karl Popper

Die hier skizierte Forschungslogik nennt man den Kritischen Rationalismus [5]. Dieser ist selber nicht falsifizierbar, aber er ist kritisierbar und rational diskutierbar.

Professor Hans Bertram erklärte seine Sicht zum Selbstverständnis der Wissenschaft in einer Vorlesung einmal so: Es kommt in der Wissenschaft darauf an, Widersprüche zu benennen und dafür Theorien zu bieten. Man muss damit leben widerlegt zu werden. Die Wissenschaft muss akzeptieren, dass ihre Aussagen allenfalls stückhaft sind und revidiert werden können. Angesichts dessen ist Bescheidenheit angebracht.

Schließen möchte ich mit einer Frage, die ich bei späterer Gelegenheit wieder aufgreifen werde: Wenn uns weder die Natur noch die Geschichte noch die Wissenschaft sagen kann, wie wir leben sollen – wer oder was vermag es dann? [6]

— — —

[1] Diekmann, Andreas. 2011. Empirische Sozialforschung. Grundlagen, Methoden, Anwendungen. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt-Taschenbuch-Verl, S. 49.

[2] ebenda, S. 145.

[3] Stephan, G. 1995. Das 1950-Syndrom: Handlungspielräume, in: Ch. Pfister (Hrsg.), Das 1950er-Syndrom, Bern, S. 223.  Zitiert nach Diekmann 2011, w.o.a. S. 145.

[4] Diekmann 2011, w.o.a. S. 175.

[5] Siehe dazu den lesenswerten Wikipedia-Artikel:
http://de.wikipedia.org/wiki/Kritischer_Rationalismus

[6] In einem Einführungsbuch Soziologischer Theorien heißt es über Niklas Luhmann:  „Mit dem für ihn typischen provozierenden Humor meint er, dass von der Soziologie keine Klärung der Frage zu erwarten sei, »wie die Gesellschaft eigentlich sein müsste. Denn das ist eigentlich viel zu leicht zu sagen, man braucht einfach nur Wunschlisten zusammenzustellen oder negative Erfahrungen zu streichen, um zu Ergebnissen zu kommen, wie wir die Gesellschaft, eine menschliche Gesellschaft oder wie immer, haben möchten«“
In: Rosa, Hartmut (Hrsg.). 2007. Soziologische Theorien. Konstanz: UVK-Verl.-Ges.

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3 Kommentare zu “Lasst Theorien sterben…

  1. Tatsächlich spielen Gefühle ja eine wichtige Rolle – die Frage ist welche? Und wie gehen wir damit um? Der Philosoph Thomas Hobbes sah im Menschen ein selbstsüchtiges Wesen, was zum einen nach Selbsterhalt und zum anderen nach egoistischem Nutzen strebe. In einem solchen Naturzustand kämpft jeder gegen jeden und nur ein mächtiger starker Staat vermag dem Einhalt zu gebieten. Nach meiner Auffassung basiert die Staatstheorie Hobbes im Wesentlichen auf dem Prinzip der Angst. Und Angst treibt uns auch heute in vielen Bereichen an. Angst vor Krankheit und Tod, vor Wohlstandsverlust, Angst vor dem Verlust von Sinn und Bedeutung, Angst vor Mangel – Mangel an Nahrung, Zuneigung und Liebe.
    Es folgt der Ruf nach Sicherheit und Kontrolle. Einsperren, strafen, vergelten, drohen, bekämpfen, vermeiden, horten, zurückhalten sind tagtägliche Handlungen in nahezu allen Lebensbereichen, die von Angst getrieben werden.

    Langsam verlor die Kirche ihr Monopol über das Sollen. In der Epoche der Aufklärung kam die Vernunft hinzu. Selbst schlimme (selbstsüchtige) Menschen kooperieren, wenn sie vernünftig sind, denn so können sie gemeinsam ihren Nutzen mehren. Zusammen kommen wir weiter, weil das vernünftig ist.

    Das ist hier alles sehr(!) verkürzt dargestellt, aber tatsächlich glaube ich, dass sich ein großer Teil aller menschlichen Streits und Kämpfe als Konflikt zwischen Vernunft und Angst beschreiben lässt. Das scheinen mir die Hauptkategorien der Politik und der kapitalistischen Wirtschaft zu sein.

    Was kann uns die Moralphilosophie dazu sagen? Damit kenne ich mich nicht gut aus. Jedenfalls scheint der Mensch ein moralisches Empfinden zu haben, welches wir erlernen oder zumindest „trainieren“ müssen. Dann leben wir so, wie unsere soziale Umgebung – mit ihren jeweils spezifischen Normen – es erwartet. Gibt es ein moralisches Empfinden „darüber hinaus“? Oder gibt es einfach Begriffe wie ‚gut‘ und ‚böse‘, ‚wertvoll‘, ‚angemessen‘ usw., die situationsabhängig Empfindungen zugeordnet werden?

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