Massenvernichtung durch Hunger

„Der Hunger ist mit Abstand der Hauptgrund für Tod und Verlust auf unserem Planeten. (…) Im Jahr sterben rund 70 Millionen Menschen, davon 18 Millionen durch Hunger und Unterernährung“, schreibt der Schweizer Soziologe Jean Ziegler1. Ziegler war von 2000 bis 2008 UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, 2012 erschien sein Buch Wir lassen sie verhungern2. In diesem Beitrag geht es um die institutionalisierte Vernichtung von Leben: Heute, fast überall auf dem Planeten Erde.

Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. Und das auf einem Planeten, der grenzenlosen Überfluss produziert… In ihrem augenblicklichen Zustand könnte die Weltlandwirtschaft problemlos zwölf Milliarden Menschen ernähren (…). Insofern ist die Situation alles andere als unabwendbar. Ein Kind, das am Hunger stirbt, wird ermordet. (Ziegler, S. 14-15)

Ich stimme Ziegler nicht zu, wenn er sagt: Ein Mensch, der an Hunger stirbt, wird ermordet. Das verfehlt den Tatbestand. Der Begriff Mord assoziiert eine ganze Kette weiterer Begriffe: Vergehen und Schuld, Anklage und Rechtfertigung, Sühne und Strafe. Ziegler spitzt zu und führt bewusst eine moralische Dimension ein. Das mag aufrütteln, aber wer soll dieser Täter sein, der verfolgt, angeklagt und bestraft werden kann; und zwar aus niederen Beweggründen, wie es der deutsche Mordparagraph3 nahelegt? Über wen fällen wir ein moralisches Urteil? Dabei gibt es durchaus klar benennbare Verantwortlichkeiten, klar benennbare Ursachen, an deren Erschaffung und Aufrechterhaltung sehr viele Menschen beteiligt sind. Es handelt sich aber nicht um Mord, sondern um eine institutionalisierte Vernichtung von Leben. Das ist ein Unterschied. Ein Mensch der an Hunger stirbt, wird vernichtet. Keine geheime Verschwörung ist am Werk, sondern es sind die vom Menschen errichteten Institutionen, die Leben vernichten. Wie das genau geschieht, und welche Mechanismen dabei ablaufen, habe ich im Beitrag Der Hunger der Welt beschrieben. Hier werde ich zunächst betrachten, was Institutionen sind, wie diese unser alltägliches Leben beeinflussen und warum uns das interessieren sollte. In den folgenden Beiträgen werde ich weiter verfolgen, was Wertdenken und Mangelbewußtsein damit zu tun haben – um schließlich die Frage nach den tieferen Ursachen und möglichen Auswegen zu stellen.

Institutionen4 sind eine besondere Art von sozialen Regeln. Man kann sie sich vorstellen als Spielregeln, die auf den jeweiligen Spielfeldern zur Anwendung kommen. Eine Regel ist dann eine Institution, wenn sie auf Dauer angelegt ist und für mehrere Personen verbindlich ist. Dadurch werden bestimmte Handlungen ausgeschlossen, andere hingegen sehr wahrscheinlich. Entscheidend ist nicht, was auf Papier festgeschrieben ist, sondern welche Praktiken sich tatsächlich etabliert haben. Die institutionale Welt wird als objektive Wirklichkeit erlebt. An die Institution der Ehe sind beispielsweise bestimmte Vorstellungen gebunden, wie sich Ehepartner typischerweise zu verhalten haben. Dazu zählt unter anderem das Treueversprechen, und dazu gehört nicht nur aber auch der exklusive Zugriff auf die körperliche Intimität des Partners. Dies rahmt dann wiederum die Vorstellung und Rede davon, was als „Betrug“ gilt und wie dieser zu behandeln ist (Anklage, Versprechung, Trennung oder Versöhnung usw.).  Das heißt, es gibt einen gemeinsam geteilten Glauben, wie Eheleute sind oder zu sein haben und ob dies erstrebenswert, ob dies „gut“ und „richtig“ oder „böse“ und „falsch“ ist. Dieser gemeinsam geteilte Glaube wird manchmal auch Wissen, Alltagswissen oder Rezeptwissen genannt. Der Ausruf „So macht man das!“ (und nicht anders) weist auf eine Institution hin. Manche Institutionen sind mit Sanktionen verbunden, beispielsweise das Eigentum bzw. das Eigentumsrecht, dessen Verletzung verfolgt und bestraft wird. Ganz allgemein hängt der Nichtbefolgung institutionell geregelten Verhaltens die Drohung der sozialen Missachtung und des sozialen Ausschlusses an. Jemand, der nackt durch die Straßen läuft oder auch nur nackt im Wald joggt, verhält sich „unmöglich“ und wird voraussichtlich von seinen Mitmenschen mit Missachtung belegt.
Der Soziologe Pierre Bourdieu schreibt zur Macht von Institutionen5:

Nehmen wir zum Beispiel einen Präsidenten, der erklärt: »Die Sitzung ist eröffnet«, oder einen Priester, der sagt: »Ich taufe dich«. Warum hat diese Sprache Macht? Es sind nicht die Worte, die kraft magischer Macht wirken. Es kommt vor, daß unter bestimmten sozialen Umständen bestimmte Worte eine Kraft besitzen. Diese Kraft gewinnen sie aus einer Institution, die ihre Eigenlogik besitzt – die Titel, Hermelinmantel und Toga, Katheder, das rituelle Wort, der Glaube der Teilnehmer usw. Die Soziologie erinnert daran, daß es weder das Wort noch die es aussprechende austauschbare Person ist, die wirkt, sondern die Institution. (…) Sie darf nicht vergessen, daß, damit das Ganze funktioniert, der Akteur glauben muß, selbst Prinzip der Wirksamkeit seines Handelns zu sein.

Ebenfalls mit Bourdieus Worten lässt sich das am Beispiel der Bildungstitel verdeutlichen6.

Nach dem Alles-oder-Nichts-Prinzip wird zwischen dem letzten erfolgreichen und dem ersten durchgefallenen Prüfling ein wesensmäßiger Unterschied institutionalisiert (…). In diesem Fall sieht man deutlich, welche schöpferische Magie sich mit dieser institutionalisierten Macht verbindet, der Macht, Menschen zu veranlassen, etwas zu sehen und zu glauben oder mit einem Wort, etwas anzuerkennen.

So wird wesensmäßig unterschieden zwischen dem Abiturienten oder Akademiker und dem Nicht-Abiturienten oder Nicht-Akademiker. Die Institution des schulischen Titels lässt uns glauben, dass die Titelträger mehr Anspruch auf gesellschaftliche Ressourcen haben und damit mehr Anspruch auf gesellschaftliche Teilhabe – und zwar ökonomisch (höheres Einkommen), politisch (mehr Deutungsmacht) und sozial (mehr Anerkennung). In einem Akt schöpferischer Magie wird quasi aus dem Nichts etwas Substanzhaftes erschaffen: eine Institution, die das soziale Verhalten regelt und koordiniert. Eine weitere mächtige Institution, die quasi aus dem Nichts (ex nihilo) geschaffen wird, ist das Geld. Bei Geld handelt es sich um institutionalisiertes Vertrauen darin, dass man zu einem späteren Zeitpunkt ein Wertäquivalent eintauschen kann. Die Formulierung dafür ist, dass Institutionen wie zum Beispiel Bildungstitel oder das Geld gesellschaftlich konstruiert werden. An dieser Stelle können wir einige wesentliche Punkte festhalten:

  • Institutionen entlasten das alltägliche Handeln. In den vielen Kontexten, in denen wir unterwegs sind, geben sie vor, dass etwas auf eine bestimmte Art und Weise getan wird, ohne dass wir jedesmal darüber nachdenken müssen. Sie lassen uns zudem wissen, wie sich die Anderen verhalten werden. Durch diese Erwartbarkeit wird soziale Koordination und Kooperation in großem Umfang möglich.

  • Gesellschaftliche Macht und Herrschaft begegnen uns in instituionalisierter Form: Staat, Polizei, Recht, Nationalität, Bildungstitel, Berufsstatus und vieles mehr.

  • Institutionen sind durch Menschen, das heißt sozial, erschaffen. Sie können durch den Menschen geändert werden – und zwar nur durch Menschen. Ein Verweis auf die „Natur der Dinge“ – also etwa auf biologische oder physikalische „Tatsachen“ – verschleiert, dass in jeder Seinsbehauptung eine Deutung und eine Absicht liegt. Den „Tatsachen“ werden Sinn und Bedeutung verliehen – und erst dann kann überhaupt Kommunikation darüber stattfinden.
    Es mag sein, dass es ein biologisches Geschlecht gibt, so wie es verschiedene Fellfarben oder Fußgrößen gibt. Doch schon da ist die Frage, warum wir genau diese Merkmale beobachten und unterscheiden und nicht etwa Differenzen der Körpertemperatur oder der Herzschlagfrequenz. Die Festlegung, dass auf eine bestimmte Art beobachtete Merkmale in bestimmter Weise relevant sind, ist jedenfalls eine sozio-kulturelle Konstruktion. In kommunikativen Vorgängen wird Sinn produziert. Wir verleihen den Phänomenen Bedeutung, wenn wir sagen, das Männchen oder das Weibchen verhält sich auf diese oder jene Weise aus diesem oder jenem Grund. Als Resultat einer langen Kulturgeschichte mag herauskommen, dass Frauen und Männern bestimmte wesensmäßige Eigenschaften zugeschrieben werden, die beispielsweise bestimmte dominante Rollenmuster hervorbringt: der „männliche Ernährer“, die „weibliche Hausfrau“ und dergleichen mehr. Drolligerweise müssen dann häufig die Urmenschen als Begründung herhalten.  „Tatsachen“ werden mit Bedeutungen versehen und daraus werden ganz reale Konsequenzen abgeleitet (z.B. der Zugang zum Arbeitsmarkt oder zum Staatsbürgertum).

  • Die Frage lautet also immer: Warum haben wir diesem oder jenem Phänomen genau diesen Sinn gegeben und ihm genau diese Bedeutung zugewiesen. Was folgt daraus? Was sagt das über uns als Menschen aus? Wollen wir so sein und erfreuen uns die Konsequenzen unseres Soseins?

In Deutschland gelten zahlreiche Regelungen, welche die Qualität von Lebensmitteln gewährleisten sollen7. Wenn Nahrungsmittel importiert werden, müssen diese bestimmten, genau festgelegten Ansprüchen genügen. Hygienevorschriften müssen eingehalten werden, Inhaltstoffe und Herkunft müssen gekennzeichnet werden, Grenzwerte für Schadstoffe dürfen nicht überschritten werden usw. Die Einhaltung wird durch regelmäßige Stichproben überprüft.
Lassen Sie uns den Blick darauf lenken, was nicht geregelt wird, welche Spielregeln nicht eingeführt werden. Die Institution der Importbestimmung schreibt sehr genau vor, wie Waren und deren Verpackung beschaffen sein sollen, aber es gibt keine Regelungen dazu, unter welchen Produktionsbedingungen diese Güter hergestellt werden. Es wird darauf verzichtet Mindeststandards für die Arbeits- und Produktionsbedingungen festzulegen, oder diese wenigstens zu kennzeichnen. Auf jeder Zigarettenpackung wird inzwischen mit drastischen Bildern darauf hingewiesen, dass der Konsum gesundheitsschädlich ist. Auf keinem Sportschuh, Smartphone oder Hackbraten wird darauf hingewiesen, dass dieser Leben vernichtet oder elende Lebensumstände erzeugt hat.

Was ist das für eine Aussage über unser Sosein? Entsprechend dieser Gesetze ist es nicht okay, wenn die Nahrung unhygienisch ist, aber es ist völlig in Ordnung, wenn die Erzeugnisse unter katastrophalen menschlichen und ökologischen Bedingungen hergestellt werden. Würdige Produktionsbedingungen sind eben kein Qualitätsmerkmal. Das ist die real-existierende, gesellschaftlich konstruierte, institutionelle Ordnung.

Im folgenden Beitrag sollen diese Gedanken fortgeführt werden. Dann geht es um die mächtige Institution des Pass, um Inklusion und Exklusion und was dies mit einem bestimmten Wertdenken zu tun hat. Es geht um den Zustand des Elends und des Mangelbewußtseins und um einige mögliche Denkansätze, die darüber hinaus führen können.

Creative Commons Lizenzvertrag
Massenvernichtung durch Hunger von Steven Sello ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht kommerziell 4.0 International Lizenz.

 

 

 


  1. Ziegler, Jean (2012): Wir lassen sie verhungern. München: Bertelsmann. 
  2. bpb: „Wir lassen sie verhungern“ – Interview mit Jean Ziegler
    Entgegnung: Jean Ziegler analysiert die Ursachen des globalen Hungers – doch er macht es sich zu einfach. von Peter Brabeck-Letmathe
    youtube-3Sat-Doku: Jean Ziegler – Was machen wir, um den Hunger zu beseitigen 
  3. Mord-Paragraph: Hanebüchene Verbiegung des Gesetzes 
  4. Bei der Definition von Institutionen beziehe mich hier vor allem auf
    Berger/Luckmann (1980): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch, S. 58-59 
  5. Bourdieu, Pierre (1993): Eine störende und verstörende Wissenschaft. In: Soziologische Fragen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 31-32 
  6. Bourdieu, Pierre (1992): Die verborgenen Mechanismen der Macht. Hamburg: VSA-Verlag, S. 61–62 
  7. Vergleiche dazu etwa das Informationsblatt der IHK Nord Westfalen: „Lebensmittelimport Sorgfaltspflichten des Importeurs beim Import von Lebensmitteln“
    http://www.ihk-nordwestfalen.de/fileadmin/medien/02_Wirtschaft/44_International/22_Export_Import/medien/Lebensmittelimport.pdf 
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