Jenseits von Gott

»Wer bin ich in diesem Universum mit Milliarden von Galaxien? Was sollen die paar Jahrzehnte meines Lebens in diesem zeitlosen Geschehen?«  Seit vielen Jahren wird Willigis Jäger nicht müde, diese Fragen immer wieder zu stellen. Es geht um eine Standortbestimmung. Wo stehen wir als Spezies? In seinem »allerletzten« Buch möchte er Antworten geben auf diese Frage des Sinns der menschlichen Existenz auf einem kleinen Planeten am Rande des Universums.

Es handelt sich um ein schmales quadratisches Bändchen mit festem Einband. Das schöne Papier und die liebevolle Gestaltung laden dazu ein, das Ertasten und Lesen selbst zu einem kontemplativen Erlebnis werden zu lassen. Dazu tragen auch die wunderbar schlichten Illustrationen von Petra Wagner bei. Beigefügt ist eine Audio-CD mit zwei geführten Meditationen von Willigis Jäger.

Jenseits von GottMit Jenseits von Gott legt Jäger eine Zusammenfassung seiner wichtigsten Gedanken zu Spiritualität, letztendlichem Urgrund und mystischem Erwachen vor. Er schöpft aus der Erfahrung eines langen Lebens als Praktizierender, spiritueller Lehrer und aufmerksamer Rezipient der wissenschaftlichen Entwicklung. Dabei kommt er mit erstaunlich wenig Worten aus. »Es geht um unsere Zukunftsfähigkeit als Spezies. Wir müssen hinter die Rationalität und Personalität schauen. (…) Ganz plötzlich können wir durchbrechen in den leeren, unendlichen Grund, der unser wahres Wesen ist. Da gibt es keine Zeit mehr, da begreifen wir, dass wir nie geboren wurden und nie sterben können. (…) Nur in dieser Erfahrung entrinnen wir der Sinnlosigkeit und der Bedeutungslosigkeit dieses unseres Lebens. Denn sie führt uns in ein tieferes Verständnis unserer leidvollen Erfahrung und in die Verantwortung für diese unsere Welt, die wir mitzugestalten haben.«

Jäger weist darauf hin, welche Begrenzung der »Egotunnel« darstellt – ein Begriff, den er von dem Philosophen Thomas Metzinger übernimmt. Aber es geht nicht darum, das Ich zu bekämpfen oder zu vernichten, sondern darum, es in seine Schranken zu verweisen. »Der nächste Schritt unseres Menschseins soll uns aus dieser Einschränkung herausführen – hinein in ein umfassenderes Begreifen unseres Daseins.«

Jäger studierte Theologie und Philosophie und wurde 1952 zum Priester der Benediktiner geweiht. Ab 1972 schlägt er den Zen-Weg ein. Beide mystische Wege lehrt Jäger, der seit 2003 am von ihm mitgegründetem spirituellen Zentrum Benediktushof-Holzkirchen lebt und wirkt. ‚Wolke des Nichtwissens‘ nennt er die von ihm begründete Linie Christlicher Kontemplation. ‚Leere Wolke‘ heißt die von ihm begründete Zen-Linie.

Jäger führt die Leser hin zu einer mystischen Ebene. Dort kommen die Egokräfte zur Ruhe. Mystik führt in die Präsenz des Augenblicks – in das Lauschen, Horchen und Spüren der Stille. Die mystischen Wege mögen an eine Konfession gebunden sein, die mystische Erfahrung selber ist es nicht, sie ist jenseits der Religionen.

Lauschen, Horschen, Spüren – nur dieser eine Augenblick.

Zu einem spirituellen Weg, wie ihn Jäger versteht und hier darlegt, gehört unweigerlich die Rückkehr in den Alltag, heraus aus Visionen und besonderen Zuständen: »Unser wahres Wesen will gelebt werden. Wir sind Mensch geworden, um ganz Mensch zu sein.«  Nicht das Jenseits oder ein Nirwana sind das Ziel, sondern das Leben im Hier und Jetzt aus einer tiefen Erfahrungsebene.

»Zur Menschwerdung brauchen wir ein stabiles Ich. Es ist aber falsch, wenn wir meinen, dieses Ich sei unser wahres Wesen. Dieses Ich wird im Tod verschwinden. Was bleibt, ist das Leben, dem dieses Ich entstiegen ist.«  Zurück zur Ausgangsfrage: »Ich bin eine einmalige, einzigartige Inkarnation des Urgrundes, aus dem alles fließt, ein kurzer Wimpernschlag des Ozeans ›Leerheit‹, ›Gottheit‹ – wie ich ihn auch nennen mag.«

Jäger, Willigis: Jenseits von Gott. Mit Bildern von Petra Wagner und einer Live-CD von Willigis Jäger, Holzkirchen 2012, 2. Aufl. Hg. v. Beatrice Grimm, geb., 19,80 €.

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Ein Kommentar zu “Jenseits von Gott

  1. „Die mystischen Wege mögen an eine Konfession gebunden sein, die mystische Erfahrung selber ist es nicht, sie ist jenseits der Religionen.“

    Was für ein zutreffender Satz! Deshalb fühlen sich für mich, als jemand, der den christlich-kontemplativen Weg geht, Aussagen, die ich aus dem Bereich des ZEN oder des Sufismus lese, auch so seltsam vertraut an.

    Danke Dir für Deine Gedanken!

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