Achtsam arbeiten – Meditation II

Es war der zweite Tag eines Retreats in Achtsamkeitsmeditation. Das Seminar fand auf einem schönen Gelände statt. Auf einem Hügel stand ein altes Haus, zu dem alte Steintreppen aus Granitplatten hinaufführten. Als nächste Übungseinheit stand achtsames Arbeiten auf dem Programm. Am Vortag hatte ich andächtig ein kleines Stück Rasen geharkt. Jetzt freute ich mich darauf die Steintreppen zu fegen.

Einfach nur achtsam fegen Foto: Martin Jäger  / pixelio.de

Einfach nur achtsam fegen
Foto: Martin Jäger / pixelio.de

Ich sah mich schon als völlig präsenter Zen-Meister in gelassener Ruhe die Treppen fegen. Doch schon nach kurzer Zeit stellte ich fest, dass ich hektisch wurde. Ich wollte besonders viel in kurzer Zeit besonders gründlich fegen und dabei ganz besonders achtsam sein. Das war Stress pur. Ich zwang mich also zur Ruhe, doch das funktionierte nicht. Immerhin das fiel mir auf, also beschloss ich nicht weiter gegen die Unruhe anzukämpfen, sondern sie zu akzeptieren und aufmerksam zu beobachten. Ich nahm wahr, wie die Gedanken ratterten. Ein Teil von mir verlieh der Arbeit Bedeutung und Dringlichkeit: »Wenn ich die Treppe nicht fege, und es regnet, dann rutschen die Leute auf dem nassen Laub aus.« Ganz leise und subtil schien dahinter noch ein anderer Gedanken zu hocken: »Wenn ich viel schaffe, dann bemerken das die Anderen und bewundern mich und haben mich lieb.«

Eine Stunde verrichtete ich so meine Tätigkeit. Zwar gelang es mir einigermaßen, nicht hektisch zu werden, aber der innere Druck und die Unruhe nahmen kaum ab. Am Ende fühlte ich mich ziemlich erschöpft und abgekämpft. So eine einfache Tätigkeit, wo es nichts zu erreichen, zu schaffen oder zu gewinnen gab – außer ein paar Treppenstufen zu fegen: Was daran alles hängt, wie sehr mich das aus der Ruhe bringen kann!

Später mit etwas Abstand verstand ich, dass ich viele Dinge in meinem Leben auf diese Art angehe. Häufig verspüre ich Rastlosigkeit und diesen inneren Druck, noch mehr, ganz viel und etwas ganz Besonderes zu leisten. Dahinter scheint ein Bedürfnis nach Bewunderung und Zuneigung zu liegen. Oft gab ich diesem Druck nach und arbeitete viel und lange, doch selten bekam ich dafür die erhoffte Anerkennung, und es machte sich eine innere Leere breit. Und diese Leere schreit danach wieder gestopft zu werden – ein Fass ohne Boden.

Anscheinend habe ich einen mächtigen Glaubenssatz verinnerlicht, der vielleicht ungefähr so lautet: »Nur, wenn ich viel leiste (am besten – ich rette die Welt!), verdiene ich Liebe und Anerkennung, nur dann habe ich ein Recht zu existieren. Ich MUSS das machen: schnell, viel, groß!« Diese kleine Übung konfrontierte mich mit existentieller Angst. Immerhin: Die achtsame Haltung ermöglichte mir, das zu spüren, zu verstehen, und es einfach mal so anzunehmen, wie es ist.

»Neben der edlen Kunst, Dinge zu verrichten,
gibt es die edle Kunst, Dinge unverrichtet zu lassen.«
Lin Yutan

Das Retreat ist jetzt ungefähr ein Jahr her. Ich nahm diese Beobachtung mit in meinen Alltag und versuchte darauf zu achten, wann dieses Gefühl wieder auftritt. Das tut es ziemlich häufig, doch inzwischen kann ich etwas besser damit umgehen. Ich lasse mich nicht mehr ohne weiteres von meinem inneren Antreiber herumschubsen. Es gelingt mir, in einen beruhigenden inneren Dialog einzutreten und mich zu fragen: »Wofür willst du das machen? Ist das wirklich so wichtig? Ist es das wert?« Mir ist es durchaus wichtig, etwas zu schaffen und zu bewirken und meinen Teil zur Gemeinschaft beizutragen, aber mir ist es auch wichtig, Zeit für mich und Freunde, für Muße und Stille zu haben. Nach und nach habe ich mein Arbeitspensum zurück gefahren. Ich stürze mich nicht mehr in alle möglichen Projekte, bloß um dabei zu sein. »Worauf kommt es wirklich an? Will ich dafür meine Zeit und meine Kraft investieren? Macht mir das Freude?« Ich prüfe, ob ein Vorhaben mit meinen Werten und Zielen im Leben vereinbar ist. Dabei hilft ein wenig Achtsamkeit.

Lese-Tipp: Vom Umgang mit innerer Leere von Ronald Engert

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s