Dankbarkeit

Wie kommt es, dass ich da bin? Am Anfang eines Menschenlebens steht Fürsorge und Zuwendung oder der Tod. Wir sind Bindungswesen und unsere Bindungen beruhen nicht primär auf Vernunft, sondern auf Gefühlen. Meine Eltern haben mich in die Welt gebracht. Für mich wurde gesorgt, einfach so, weil ich da war. Nur durch ihre Zuneigung und Fürsorge, war es möglich, dass ich wachsen und mich entwickeln konnte. Mit meinen Freunden und Liebsten habe ich Freude und Leid durchlebt und geteilt. Nur mit und durch andere kann ich da sein. Erstaunlich, dass wir uns vor diesem Hintergrund ständig wechselseitig unter Leistungsdruck setzen. Um was zu erreichen? Um wohin genau zu gelangen?

Wer hat das Haus gebaut, in dem ich wohne, wer entsorgt meinen Müll und mein Abwasser, wer hat Straßen, Transportmittel und die ganze Infrastruktur errichtet? Andere Menschen haben das für mich getan! Andere Menschen produzieren die Lebensmittel, die mich nähren, die Kleidung, die ich trage und die vielen Geräte und Einrichtungen, die ich nutze.

Andere Menschen haben das für mich getan.

Ich stelle fest, dass ich in einer fantastischen Fülle materiellen Wohlstands lebe. Aus der Wand sprudelt Wasser, elektrische Geräte bringen Licht ins Dunkle, wärmen oder kühlen meine Speisen, reinigen meine Wäsche. Ich schätze mich glücklich, in einer Region zu leben, wo seit siebzig Jahren kein Krieg mehr stattfand und fast ebenso lange keine Hungersnot mehr herrschte. Möglicherweise wird diese Epoche eines Tages als der „Hundertjährige Frieden“ in die Geschichtsbücher eingehen. Ich schätze mich glücklich, in einem Land zu leben, wo ich studieren kann, mich versammeln und meine Meinung frei äußern darf. Bei weitem nicht alle Menschen haben diese günstigen Umstände und Möglichkeiten. Die große Mehrheit der Menschheit ist davon weit entfernt. Dieser Gedanke erfüllt mich mit Demut. In dem Land, in dem ich geboren wurde, die DDR, wären viele Begebenheiten meines bisherigen Lebens undenkbar gewesen: freies politisches Engagement, ein spätes Studium oder ein längerer Aufenthalt in Südamerika zum Beispiel.

Was davon ist mein Verdienst? Diese günstigen Umstände sind nur zu einem winzigen Anteil auf meinen persönlichen Verdienst zurückzuführen. Jegliche Leistung ist das Produkt von Koexistenz. Strukturelle Bedingungen, soziale Verflechtungen und Konstellationen emotionaler Bindung bilden den Rahmen dafür. Wie kann ich mich getrennt davon betrachten – als isolierter Einzelleistungserbringer, Einzelverbraucher, Einzelgestörter oder Einzelkranker? Diese Betrachtung erscheint mir ungeeignet, um die drängendsten Probleme unserer Zeit anzugehen.

Ich mag meine Privilegien[i]. Die Dinge sind nicht einfach so da, sondern nur weil viele andere Menschen sie fortwährend errichten, produzieren und pflegen. Hinter den Dingen stehen Prozesse und lebendige, ganz reale Menschen, die jeden Tag etwas tun. Wenn ich dankbar bin, sehe ich die Prozesse hinter den Dingen. Dann sehe ich sowohl das Wunder als auch das Elend. Dann ist es mir nicht mehr gleichgültig, wie die Dinge zustande gekommen sind, und wie sie ihren Weg zu mir gefunden haben. Aus diesem Verständnis erwächst für mich Mitgefühl und Verantwortung. Die anderen Wesen, mit denen ich koexistiere, sind auch empfindende Wesen.

Aus der Dankbarkeit für das, was ist, erwächst Verantwortung.

Machen mich all diese Dinge glücklich?
Manchmal fühle ich mich innerlich satt, ganz ruhig und in Frieden. In diesen Momenten brauche ich nichts. Dann kann ich teilen und strahlen – einfach so. Manchmal fühle ich mich extrem bedürftig. Dann brauche ich ganz dringend etwas. Dann verzehre ich mich nach Ruhm und Geltung, nach dem Besitz von diesem oder jenem oder nach dem Konsum von Substanzen, Unterhaltung oder dergleichen mehr. Doch davon werde ich nie satt. Es ist ein Fass ohne Boden.

Wenn ich (innerlich) satt bin, dann kann ich in Frieden da sein, dann bin ich ganz bei mir. Dann kann ich unbefangen, federleicht mit euch tanzen. Wenn ich da raus falle, dann bin ich durstig, schmachtend und abhängig und brauche dringend etwas, dann »muss« ich euch dazu bringen mit mir zu tanzen oder ich bin unglücklich oder ich hasse euch oder ich verletze euch oder alles auf einmal.

DankbarkeitIn dem einen Fall sehe ich unermessliche Fülle, in dem anderen quälenden Mangel. Beides kommt vor, mitunter wechselt es von einem Moment zum anderen. Dieses Befinden kann sich innerhalb kurzer Zeit wandeln, ohne dass sich an den äußeren Umständen etwas geändert hätte, und schon gar nicht an der materiellen Grundausstattung. Wenn es nicht davon abhängt, wovon hängt es dann ab?

Unter Dankbarkeit verstehe ich keine passive Haltung, sondern eine Aktivität. Es ist eine aktive Handlung, die vollzogen werden will. Dankbarkeit zu empfinden für die unvergleichliche, einmalige Gelegenheit genau dieses Leben leben zu können, kann erleichternd und heilsam sein. Das ist zumindest meine Erfahrung.

Danke für dieses lebendige Da-sein, diese Fülle, dieses Spüren, dieses pulsierende Wunder!

Und nun, da ich diese Dankbarkeit empfinde, schließe ich mich selbst darin ein. Ich danke mir dafür, dass ich für mich sorge. Dafür, dass ich mich nicht damit zufrieden gebe, ein bequemes Leben nach Vorlage zu leben, sondern dass ich immer wieder aufstehe und meinen eigenen Weg suche. Dafür, dass ich meinen Körper, meinen Geist und meine Seele nähre. Dafür, dass ich mich zeige. Nun spüre ich, wie viel es mir selber gibt, etwas von meinem inneren Wesen zu teilen. Ein Geschenk an die anderen ist ein Geschenk an mich selbst!

Meine tiefe Anerkennung – genau für dich! Wofür bist du dankbar?

[i] Ich verstehe unter Privilegien als strukturelle Vorteile, die man sich nicht selber verdienen kann. Schön anschaulich finde ich die Analogie mit einem Online-Rollenspiel. Alle spielen auf derselben Spielkarte nach denselben Spielregeln und Rahmenbedingungen. Privilegiert sein heißt, auf niedrigeren Schwierigkeitsstufen mit einer höheren Ausstattung (skills, items etc.) zu spielen.
http://whatever.scalzi.com/2012/05/15/straight-white-male-the-lowest-difficulty-setting-there-is/
Noch ein Gedanke dazu:
»The key to privilege isn’t worrying about having it, or trying to deny it, or apologize for it, or get rid of it. It’s just paying attention to it, and knowing what it means for you and the people around you. Having privilege is like having big feet. No one hates you for having big feet! They just want you to remember to be careful where you walk.«
https://sindeloke.wordpress.com/2010/01/13/37/

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5 Kommentare zu “Dankbarkeit

  1. Pingback: Dankbarkeit | Beinhoff, Antoine

  2. Ich glaube nicht an Gott, noch nicht einmal an eine höhere Ordnung. Daher weiß ich manchmal nicht, wem oder was ich dankbar sein soll. Die Idee von den Menschen, die hinter jeder meiner Annehmlichkeiten stehen, finde ich großartig und machen das Wort „Dankbarkeit“ auch zu mehr als einer Floskel.

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