Getrieben von der Angst?

Die Politik unserer Zeit wird von Angst bestimmt, heißt es. Diese Angst treibe die Bevölkerung in die Arme von Populisten. Dies zeige sich an der Wahl von Donald Trump, am Brexit und am Erstarken von  rechten Parteien und Bewegungen. Die Angst ist ein stetiger Begleiter des Menschen, doch die Wahrnehmung von und das Reden über Ängste verändern sich. Dieser Beitrag wirft ein paar Schlaglichter auf die Bedeutung der Angst im Politischen, ihre Bedeutung für Identitäten und auf mögliche Strategien im Umgang mit der Angst.

»Heute haben wir nur noch Angst«, schreibt der Spiegel-Journalist Jürgen Leinemann. Er berichtet von zunehmenden Abstiegsängsten, von Überforderung und Stress.  »Die Arbeitslosigkeit wächst. Die Zahl der Bankrotte und Pleiten steigt. Der Staat ist verschuldet. Umweltzerstörung wird überall sichtbar. Demonstrationen, Hausbesetzungen, Krawalle. Die Frauen mucken auf. Die Jugend rebelliert oder steigt aus, oder funktioniert zu reibungslos, ist jedenfalls nicht in Ordnung. Nie wollten so viele Menschen auswandern. Nie seit Bestehen der Bundesrepublik nahmen sich so viele Deutsche das Leben.« Die Zitate entstammen einer Reportage mit dem Titel Die Angst der Deutschen[1]. Erschienen ist sie im Jahr 1982.

Leinemann zeichnet in plakativen Tönen ein düsteres Bild von der Gefühlslage der Bonner Republik in den 80er Jahren. »Alle fühlen sich gegängelt. Verwaltet. Verplant. Verführt. Versorgt.« Gleichzeitig steige das Gefühl von anonymen Mächten abhängig zu sein, von »den da oben«, von »den Multis«. Die Menschen erleben sich als Opfer einer Bürokratie. »Keiner will auffallen. Viele drücken sich. Die meisten beißen, auch wenn es schwerfällt, die Zähne zusammen und schlucken alles. Zumutungen und Überforderungen.« Die Menschen empfänden sich als Lebensroboter und als Arbeitsmaschine. Das mache krank: »Jeder kennt einen, der nicht mehr kann. Kennt zumindest einen, der einen kennt, bei dem alles zusammenzubrechen droht: Arbeit, Ehe, Gesundheit, Leben. Dann bekommt es die Telefonseelsorge zu spüren. Zehntausend Anrufe bis September 1981 allein in Köln, soviel wie im ganzen Jahr 1980: Depressionen, Depressionen, Depressionen.« Um mit ihren psychischen Problemen klar zu kommen, nähmen die Deutschen zunehmend mehr Medikamente. Seine Befunde lässt sich Leinemann von der »Münchener Apothekerin Eva H.« bezeugen: »Es ist schrecklich. Die Leute geben sich die Klinke in die Hand. Lebensangst, reine Lebensangst.«

Die Diagnose einer Gesellschaft der Angst[2] ist so neu also nicht. Dabei handelt es sich zunächst um eine triviale Tatsache: Die Angst gehört immer schon zum Leben des Menschen dazu. Allerdings legen wir uns wohl nicht allzu gerne Rechenschaft darüber ab, wie sehr unser alltägliches Handeln von Angst geleitet wird, obwohl doch die Konjunktur der Vokabel »Stress« genau das vermuten lässt. Was sich im Laufe der Geschichte wandelt und so zugleich den Zustand einer Gemeinschaft spiegelt, ist die Art, wie sie ihre Angst wahrnimmt und über ihre Ängste redet. »In Begriffen der Angst fühlt sich die Gesellschaft selbst den Puls«, wie es der Soziologe Heinz Bude ausdrückt.

Selbstverständlich ist die Angst auch auf dem Feld der Politik von jeher ein ständiger Begleiter. Und so wird sie von politischen Kommentatoren immer wieder aufs Neue entdeckt. Die Angst wird zum »neuen Gesetzgeber« schreibt Christian Bommarius für die Blätter[3], als wären die Gesetze zuvor ohne Beteiligung von Angst entstanden. »Nein, die Angst geht nicht um in Deutschland, sie hat sich längst schon festgesetzt. Sie sitzt in den Gesetzen, die als Strafrechtsreformen (…) die Parlamente passieren (…) Der neue Gesetzgeber, das ist der panische Kontrolleur, der die Kontrolle nie besessen oder längst verloren hat. (…) Die wirksame Kontrolle, die ihm bleibt, gilt der Angst der Bevölkerung, dem Volksempfinden.  Gesund, sagt der neue Gesetzgeber, ist die Angst vor dem Verbrechen, denn hätte das Volk keine Angst vor dem Verbrechen, würde es erst recht krank vor Angst – Angst vor der Gefahr.«

Lenz Jacobsen hat sich in einem Beitrag für die ZEIT damit beschäftigt, welche Rolle eine gezielte Politik der Angst bei der Wahl von Donald Trump spielte. Auf die Frage eines 12-jährigen Mädchens, wie er sie beschützen werde, antwortete Trump: »Weißt du was, mein Schatz? Bald wirst du keine Angst mehr haben. Die anderen werden Angst haben.«  Das bewusste Schüren von Ängsten hat für die US-Wahl zweifelsohne eine wichtige Rolle gespielt. Doch Jacobsen führt aus, dass dies in der Geschichte der USA geradezu eine Konstante darstellt. Damit alleine lässt sich der Erfolg von Trump nicht erklären. In dem immer noch lesenswerten Beitrag trägt Jacobsen 18 Faktoren zusammen, die in ihrem Zusammenspiel den überraschenden Erfolg von Trump ein Stück weit erklären können.

Vielleicht haben tatsächlich die Intensität und das Ausmaß der Angst in den letzten Jahren und Jahrzehnten zugenommen. Auf jeden Fall hat sich nach den Terroranschlägen vom 9. November 2001 das Reden in Begriffen der Angst geändert. Nicht mehr die Angst vor einem atomaren Weltkrieg wie noch in den 1980ern, sondern die Angst vor dem Terror steht nun im Zentrum der Diskurse. Der Ruf der sozialistischen Blockländer nach »ewiger Waffenbrüderschaft« und »unverbrüchliche Solidarität« wurde abgelöst durch einen »Kreuzzug gegen das Böse« und dem Bekunden von »uneingeschränkter Solidarität«.[4]

Eine weitere Welle der Angst- und Sorgenrhetorik überrollte die öffentliche Debatte im Zuge der Flucht- und Migrationsbewegungen und der sogenannten »Grenzöffnung«[5] im September 2015. Neue Ängste wurden formuliert, wie die Angst vor »Überfremdung« oder einer »Islamisierung des Abendlands«. Einer gerade erschienene Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge, ist es vor allem die Angst vor der Globalisierung, welche den rechtsgerichteten Parteien Stimmen bringt.

Die Stimmung im Land scheint tief gespalten. Die Einen haben Angst vor den Fremden, Angst vor einem Verlust der Identität und des Vertrauten. Andere haben Angst vor sozialem Abstieg und Statusverlust. Wieder Andere haben Angst vor einem Klima der Kälte, vor Ausländerfeindlichkeit und Nationalismus. Es ist die Angst, die das Land spaltet und gleichzeitig ist es die Angst, die wir gemeinsam haben.

Es ist die Angst, die das Land spaltet und gleichzeitig ist es die Angst, die wir gemeinsam haben.

Ich zumindest habe Angst. Ich befürchte, dass sich in Deutschland und Europa die Gräben weiter vertiefen und dass eine Politik  der Abschottung, Fremdenfeindlichkeit und sozialer Kälte zunimmt. Ich befürchte eine Zunahme von Überwachung, eine Aufrüstung der Geheimdienste und eine weitere Beschneidung von Freiheitsrechten. Mehr als den Terror selbst fürchte ich, was im Zuge eines »Kampfes gegen den Terror« aus uns wird. Auch in dem Wissen, was mir in dem Land, in dem ich geboren wurde und die ersten Jahre meines Lebens aufwuchs, was mir in der DDR alles nicht möglich gewesen wäre, habe ich Angst davor, dass einiges von dem, was ich an dieser Gesellschaft schätze, verloren geht. Wenn die Dinge, die ich für wertvoll, wichtig und erstrebenswert halte, bedroht sind, so ist damit meine Identität bedroht, denn ich muss befürchten, dass ich dann nicht mehr der sein kann, der ich bin, und nicht mehr das Leben führen kann, was ich führe.

Anscheinend fühlen sich viele Menschen in ihrer Lebensweise und in ihrer Identität bedroht. Auf welcher Grundlage soll ich nun entscheiden, welche Ängste berechtigt sind und welche nicht? Wie kann ich vermeiden, in die Logik von Identitätskämpfen zu verfallen und meine Identität über die von anderen zu stellen?

Wie können wir umgehen mit der Angst?

Zunächst scheint es einige Strategien im Umgang mit der Angst zu geben, die mir besonders ungeeignet erscheinen. Eine Abwehr oder Leugnung der Angst verstärkt diese eher noch oder führt dazu, dass sich die Angst festsetzt. Aussagen wie »Das ist doch nicht so schlimm« oder »Du brauchst keine Angst zu haben« sind oft wenig hilfreich. Mir ist zunächst wichtig, dass den Menschen nicht ihre Gefühle abgesprochen werden. Das ist die Grundvoraussetzung dafür, dass die nötige Beruhigung und das nötige Vertrauen entstehen, damit eine Auseinandersetzung auf der Sachebene überhaupt möglich ist. Ohne eine gemeinsame Verständigungsbasis ist ein Austausch rationaler Argumente nicht durchführbar. Dann werden oft bloß immer wieder dieselben Phrasen vorgetragen.

Moralische Vorwürfe erscheinen mir besonders ungeeignet, um Ängste zu beruhigen. Sie führen eher zu Blockade, Abwehr und Feindseligkeit. Um jemanden ein sicheres Gefühl zu vermitteln oder einen Gesinnungswandel zu bewirken, sind moralische Vorwürfe also eher kontraproduktiv. Für diejenigen, die sie vorbringen, scheinen sie aber eine entlastende Funktion zu haben. Ist es doch eine Variante aus einem Zustand der Lähmung, Ohnmacht und Hilflosigkeit zumindest vermeintlich in einen Zustand von Kontrolle, Macht und Überlegenheit zu kommen. Zugleich können moralische Vorwürfe der Selbstvergewisserung dienen und die Zugehörigkeit zu einem Kollektiv bestärken. Mal angenommen das trifft zu, dann wäre das Vortragen von moralischen Vorwürfen eine Strategie, um meine eigenen Ängste ein Stück weit zu bewältigen – allerdings auf Kosten eines anderen.

Dabei ist doch vielleicht gerade das Gefühl der Angst etwas, dass uns als Menschen verbinden kann?

[1] Leinemann, Jürgen (1982): Die Angst der Deutschen. Beobachtungen zur Bewußtseinslage der Nation. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

[2] So lautet zugleich der Titel eines zeitdiagnostischen Essays des Soziologen Heinz Bude: Bude, Heinz (2014): Gesellschaft der Angst. Hamburg: Hamburger Edition.

[3] Bommarius, Christian (2016): Die Angst als Gesetzgeber. Blätter für deutsche und internationale Politik 61: 29-32.

[4] Schon im Dezember 2001 wandten sich ehemalige Bürgerrechtler der DDR in dem Aufruf Wir haben es satt! gegen diese Kriegsrhetorik und staatliche Aufrüstung:
»Früher: Ewige Waffenbrüderschaft; Unverbrüchliche Solidarität; Friedensdienst (mit der Waffe in der Hand); Mein Arbeitsplatz – mein Kampfplatz für den Frieden; Wer nicht für uns ist, ist gegen uns!
Heute: Kreuzzug gegen das Böse; Ewige Freiheit; Grenzenlose Gerechtigkeit; Uneingeschränkte Solidarität; Geschlossenheit; Wer nicht für uns ist, ist für die Terroristen!«

[5]  Die innereuropäischen Grenzen waren die ganze Zeit offen. Ungarn, Österreich und Deutschland sind Teil des Schengenraums, der einen freien Grenzverkehr vorsieht. Der ungarische Ministerpräsident fällte am 4. September 2015 eine Entscheidung, mit der er Österreich und Deutschland die Pistole auf die Brust setzte. Er beschloss die Flüchtlinge, die auf der Autobahn Richtung in Österreich marschierten und die im Budapester Bahnhof campierten, mit Busen bis zur österreichischen Grenze zu transportieren.
http://www.zeit.de/2016/35/grenzoeffnung-fluechtlinge-september-2015-wochenende-angela-merkel-ungarn-oesterreich/komplettansicht

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