Sucht in Zahlen

Substanzabhängigkeit und Verhaltenssüchte in Deutschland,
Quelle: obs/Deutscher Lottoverband (DLV)

Nach Berechnungen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) stirbt in Deutschland alle sieben Minuten ein Mensch an den Folgen des Alkoholkonsums oder an der Kombination aus riskantem Trinken und Rauchen – das seien im Jahr etwa 74.000 Todesfälle. („Jahrbuch Sucht 2014: Lust auf Alkohol und Zigaretten ungebrochen.“ tagesschau.de)

Hier sind einige Zahlen zu Substanzabhängigkeit und zu pathologischen Verhaltenssüchten zusammengestellt – und zwar gemäß medizinischer Diagnosekriterien.

Wie viele Deutsche sind nun süchtig? Das ist eine Frage, die sich nicht ohne weiteres beantworten lässt, denn man kann die Angaben nicht einfach aufaddieren, da von vielfachen Überschneidungen und Mehrfachhängigkeiten auszugehen ist.

In seinem Vortrag „Süchtige Menschen, süchtige Gesellschaft“ auf den Münchner Wissenschaftstagen spricht Prof. Felix Tretter davon, dass fast 10% der erwachsenen Bevölkerung ein Abhängigkeitsproblem hat. Dabei handele es sich eher um eine Unter- als eine Überschätzung.

Wenn ich die Zahlen summiere, die hier unter die Kategorie „riskanter Konsum“ fallen, und dann großzügig Überschneidungen abziehe, ist wohl eher jede vierte bis fünfte Person davon betroffen. Der Löwenanteil geht dabei auf den Tabak- und Alkoholkonsum, gefolgt vom pathologischen Kaufen.

Woran mangelt es? Das Elend des süchtigen Konsumverhaltens.
Essay über eine süchtige Gesellschaft.

Hinzu kommen die Angehörigen von Suchtkranken, bei denen sich häufig eine Co-Abhängigkeit entwickelt.

Nach meinen klinischen Erfahrungen kann pro Suchtfall von drei bis vier problematisch verstrickten Angehörige ausgegangen werden. Auf jeden Suchtkranken kommt vermutlich ein co-abhängig Erkrankter. Die co-abhängig Betroffenen sind in der Mehrheit der Fälle Frauen: Mütter, Partnerinnen und Töchter.

Jens Flassbeck, co-abhaengig.de

Ursula Armstrong spricht im Deutschen Ärzteblatt von acht Millionen Co-Abhängigen in Deutschland: „Sie sind wie der kranke Partner im Strudel der Sucht.“

Weiterführendes:

Eine ähnliche Aufstellung mit Nennung der Krankheits- und Todesfolgen findet sich auf den Seiten vom Kreuzbund.

Über die innere Leere
Dann betäubst du deinen Schmerz

Wie betäubt (…)

Quellen:
co-abhaengig.de
Deutsches Ärzteblatt: Co-Abhängigkeit: Die verkannte Krankheit

Konsum bei Jugendlichen

In einem Zeitschriftenbeitrag schildern Markus Maier und Reinhard Pekrun im Jahr 2001 den Forschungsstand zu Leistungsstreß bei Jugendlichen:

„Selbstmord stellt nach Unfällen die häufigste Todesursache im Jugendalter dar, und es wird vermutet, daß ca. ein Drittel dieser Todesfälle auf Schul- oder Leistungsprobleme und die damit verbundene Überforderung zurückzuführen sind (siehe Jahresbericht des Statistischen Bundesamtes). Außerdem konnten Mansel und Hurrelmann (1991) in einer groß angelegten Untersuchung an Jugendlichen feststellen, daß bereits über die Hälfte der befragten Jugendlichen an psychosomatischen Streßreaktionen leidet. Korrelative Analysen legten hier nahe, daß besonders auch schulische oder berufliche Anforderungen und die daraus resultierende Belastung für diese Streßreaktionen verantwortlich sind. Befunde von Höpner-Stamos (1996) bestätigen dies: Wachsende Leistungs- und Qualifikationsanforderungen lieferten einen wesentlichen Beitrag bei der Entstehung von Streßreaktionen bei Jugendlichen (vgl. auch Friedrich, 1990; Palentien, 1997 ). Der Medikamenten- und Drogenmißbrauch als mögliche Form der Streßbewältigung nimmt nach Hurrelmann (1997) ebenfalls im Jugendalter rapide zu. Bereits 40 % der 12-Jährigen nehmen regelmäßig schmerzstillende Medikamente oder Beruhigungsmittel, und 21 % der 12- bis 24-Jährigen konsumieren täglich Alkohol.
Quelle: Maier, Markus A. und Reinhard Pekrun (2001): Leistungsstreß bei Jugendlichen. Kindheit und Entwicklung 10: 161-171.

Tabak/Nikotin

Übersicht Rauchverhalten

Übersicht Rauchverhalten

Nach den Daten des Mikrozensus 2009 des Statistischen Bundesamts (Destatis) rauchen in Deutschland insgesamt 14,7 Millionen Frauen und Männer ab 15 Jahren (25,7 Prozent).

Etwa 20% aller Frauen und 30% aller Männer sind ehemalige Raucher_innen.

Quellen:
BMG: Drogen- und Suchtbericht 2013
DHS: Tabak | Broschüre Tabakabhängigkeit
Drogenbeauftragte: Tabak

Alkohol

9,5 Mio. Menschen in Deutschland konsumieren Alkohol in gesundheitlich riskanter Form.  Etwa 1,3 Mio. Menschen gelten als alkoholabhängig.

Bei 27% der erwachsenen deutschen Bevölkerung wurde ein riskanter Alkoholkonsum festgestellt, bei 53% ein moderater Konsum. Knapp 20% gaben an nie zu trinken. Von Alkoholmissbrauch ist bei knapp 4% die Rede, 2,5% gelten als alkoholabhängig.

Weniger trinken: „Ein glückliches Leben ohne Alkohol“. Der Journalist und trockene Alkoholiker Daniel Schreiber im Spiegel-Interview.

Quellen:
BMG: Drogen- und Suchtbericht 2013
DHS: Alkohol | Broschüre Alkoholkonsum
Drogenbeauftragte: Alkohol

Medikamentenmissbrauch

Schätzungen gehen in Deutschland von 1,4 bis 1,5 Millionen Menschen mit Medikamentenabhängigkeit aus. Einige Forscher sprechen gar von 1,9 Millionen.

Dokumentationen über Psychopharmaka und Alternativen
Sehr schöne Seite mit einer informativen Sammlung zu guten Quellen über Psychopharmaka, deren möglicher Nutzen, die Risiken, Absetzsymptome und Alternativen. Auf dem Blog My Free Mind finden sich weitere fundierte Berichte rund um das Thema psychischer Krankheiten und Psychopharmaka.

Medikamentensucht: „Bleiben Sie jetzt bloß nicht ruhig!“
Eine ausführliche Zeit-Reportage über Medikamentenmissbrauch und Sucht. Der Gesundheitswissenschaftler Gerd Glaeske spricht von 1,2 bis 1,5 Millionen Abhängigen in Deutschland. Die Medikamente halten ein milliardenschweres System am Laufen – „die allgemeine Zähmung“.
„Über die Jahre ist ein regelrechtes Sediersystem entstanden, ein pharmakologischer Komplex, der erstens aus der pharmazeutischen Industrie und Forschung, zweitens den staatlichen Behörden und drittens den Ärzten und Apothekern besteht. Die Akteure sind miteinander verwoben, durch ökonomische Anreize, mangelnde Aufklärung, Auftragsstudien und das große Versprechen der allgemeinen Ruhigstellung. (…) Es ist, als wiege das Sediersystem die Welt in einen großen Schlaf.“
„Viele flüchten sich in die zynische Wahrheit: Es ist für uns alle bequemer, wenn die Ruhiggestellten abhängig bleiben“, sagt Gerd Glaeske.

Die Nutzniesser der Heroin-Epidemie.
Eine Reportage wie Schmerzmittelmißbrauch in die Heroinsucht führt und die Pharmaindustrie damit Milliardenumsätze erzielt.

Quellen:
BMG: Drogen- und Suchtbericht 2013
DHS: Medikamente

Illegale Drogen

Problemsubstanzen (Klienten in Suchtberatungsstellen) im Bereich illegale Drogen. BMG Suchtreport 2013

Problemsubstanzen (Klienten in Suchtberatungsstellen) im Bereich illegale Drogen. BMG Drogen- und Suchtbericht 2013

Im Vergleich zu den legalen Substanzen sind vergleichsweise wenig Personen (ca. 300.000)  abhängig von illegalen Substanzen wie Cannabis und Kokain.

Insbesondere die Zahl der Cannabis-Konsumenten ist natürlich höher.

Quellen:
BMG: Drogen- und Suchtbericht 2013
DHS: Illegale Drogen

Verhaltenssüchte

Weit verbreitet ist die sogenannte Kaufsucht bzw. das pathologische Kaufen. Nach Studien der Uniklinik Erlangen sind ca. 4. Mio. Deutsche stark kaufsuchtgefährdet.

SpielsuchtDie Glücksspielsucht wird fälschlicherweise immer noch zu den so genannten „Neuen Süchten“ gezählt. Jedoch ist nichts neu an der Glücksspielsucht, außer ihrer ansteigenden Verbreitung. Die Anzahl der pathologischen Spieler in Deutschland wird auf 100.000 bis 170.000 geschätzt.

Übermäßiges, zwanghaftes Arbeiten bis zur Erschöpfung wird Arbeitssucht genannt. Aber auch eine Lähmung und die Unfähigkeit (geregelt) zu arbeiten, können Symptome sein. Laut Stefan Poppelreuter werden etwa 13 Prozent der berufstätigen Bevölkerung als gefährdet eingeschätzt.

Pathologischer Computer- oder Internetgebrauch

Aktuelle internationale Studien, die vorwiegend Jugendliche befragten, stufen 1,6 bis 8,2 Prozent der Internetnutzer als „abhängig“ ein.

Die repräsentative Studie „Prävalenz der Internetabhängigkeit“ (PINTA I, 2011) ergab, dass in der Gruppe der 14- bis 64-Jährigen ca. 560.000 Menschen als internetabhängig und ca. 2,5 Millionen Menschen als problematische Internetnutzer bezeichnet werden können.

Quellen:
BMG: Drogen- und Suchtbericht 2013
Ärzteblatt: Pathologisches Kaufen – weit verbreitet, wenig erforsch
ZEIT.DE: Arbeitssucht
Arbeitssucht – Symptome

Süssigkeiten, Kaffee uvm.

Nahezu jede Substanz kann auf eine süchtige Art konsumiert werden. Die biochemische Wirkung von Zucker ist inzwischen recht gut erforscht.

Gerald Hüther über die Funktion von Serotonin und die Wirkung von Zucker (Video).

Prof. Manfred Spitzer, Geist & Gehirn 185, Dopamin und Käsekuchen:
Toleranz des Belohnungssystems, der Suchtmechanismus von „Cafeteria-Essen“ (Video wurde leider von Youtube entfernt).

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6 Kommentare zu “Sucht in Zahlen

  1. Pingback: Woran mangelt es? Das Elend des süchtigen Konsumverhaltens | seinswandel

  2. Sehr interessanter Beitrag, vielen Dank für die Erwähnung meiner Seite.
    Ich habe den Artikel auf meinen Social Media Kanälen geteilt!

    Besonders diese Zahlen finde ich erschreckend und alarmierend: „40 % der 12-Jährigen nehmen regelmäßig schmerzstillende Medikamente oder Beruhigungsmittel, und 21 % der 12- bis 24-Jährigen konsumieren täglich Alkohol.“

    Ich komme ja aus Österreich und die Situation hier ist auch beunruhigend: http://derstandard.at/2000014919406/Beim-Alkoholkonsum-Oesterreich-ist-europaeische

    Lg Moni

    Gefällt 1 Person

    • Es scheint eine massive Ausweitung des Alkohol- und Medikamentenkonsums zu geben. Das geht einher mit einer letztlich reduktionistischen Vorstellung vom Menschen, dessen Kummer, Schmerz oder Unwohlbefinden nach Belieben chemisch reguliert, manipuliert, optimiert oder repariert werden kann – mit fatalen Folgen.
      Es ist auch krass in jedem Supermarkt an der Kasse zwischen einem Spalier aus Nikotin und Schnaps laufen zu müssen.

      Gefällt mir

      • Hallo Steven, ja, das finde ich auch krass, was du beschreibst. Was auch erschreckend ist: Der Alkoholkonsum im Berliner Alltag, auf den Straßen, in der U-Bahn. Ich war am 1. Mai nach der Teilnahme an der DGB-Demo auf dem Mayfest in Kreuzberg, wir wollten uns das einfach ein Stündchen anschauen. Früher war das Fest wirklich sehr bunt und sehr gemischt. ich habe einige Feste in sehr guter Erinnerung. Es wurde gefeiert und getanzt. Dieses Jahr war es unerträglich. Es gab fast nur junge Leute, die sich die Kante gegeben haben, fast 50.000 Tausende Leute waren da. Wir sind durch Müllberge gelaufen und fast jeder hatte eine Bierflasche in der Hand. Das Maifest in Kreuzberg ist zur alkoholisierten Partymeile verkommen. Warum heißt „feiern“ in Deutschland so häufig, sich zu betrinken? Ist das Leben für so viele sonst nicht erträglich? Gabriele

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